12.05., Mittwoch: Hj Hill - Der Weg ist das Ziel
Es regnet in Intervallen die ganze Nacht hindurch. Dazu ist es eisig kalt. Sarah kann kaum noch ihre Füße spüren, als der Wecker uns aus einem unruhigen Schlaf holt. Als Cecil aus dem Zelt klettert, zeigt sich das Wetter von seiner guten Seite. Zehn Minuten später ist auch Sarah unten und bis dahin hat sich der Himmel komplett zugezogen. Immerhin fängt es nicht erneut an zu regnen.
Beim Frühstück frieren wir weiter durch. Der anschließende Abwasch und vor allem das Einpacken des nassen Awnings sind da nochmal eine ganz besondere Freude. Höhepunkt ist natürlich das Zelt. Unsere Finger schmerzen extrem, während wir probieren den Reißverschluss der Plane zu schließen. Endlich fertig, setzen wir uns ins Auto und rollen langsam los. Je eher der Motor auf Temperatur ist, desto eher wärmt uns die Heizung. Um 09:10 Uhr sind wir unterwegs.
Fünf Minuten später erreichen wir auch schon den Parkplatz, von dem aus unsere Wanderung startet. Es ist so neblig, dass man kaum etwas vom Mount Abrupt sieht. Wir sind ziemlich enttäuscht. Der Wetterbericht lag mal wieder komplett daneben. Heute sollte ein durchgehend schöner Tag werden. Sarah schaut erneut im Internet nach. Drei verschiedene Wetterseiten sagen alle das Gleiche: Sonne pur. Die Realität sieht leider anders aus. Wir wollen es trotzdem angehen. Mit Glück hat sich die Lage gebessert, sobald wir auf dem Gipfel stehen.
3,3 km liegen vor uns. Schon nach 400 Metern fällt Cecil auf, dass er sein Handy nicht dabei hat. Ohne das kann er Alli nicht fliegen und heute gibt es vielleicht die Chance nach sehr langer Zeit endlich mal wieder eine Runde zu drehen. Nachdem die Wanderung schon vom Wetter torpediert wird, ärgert sich Cecil umso mehr, dass er jetzt nochmal zurück muss. Natürlich begleitet Sarah ihn. Mit dem Handy im Gepäck starten wir erneut durch.
Es geht recht kontinuierlich bergauf, aber nicht zu steil. Am Anfang wandern wir über Serpentinen, die sich am Hang hinauf schlängeln. Diese werden im Verlauf immer öfter durch Treppen ersetzt, die auf direktem Wege nach oben führen. Das letzte Stück wird dann doch anspruchsvoll und treibt den Puls in die Höhe. Über den Bergrücken geht es dann zum Gipfel. Um uns herum ist nichts zu sehen außer dichte, weiße Wolken. Anscheinend haben wir nicht das Glück, dass der Himmel doch noch aufreißt. Frei nach dem Motto der Weg ist das Ziel, gehen wir trotzdem weiter.
Auf dem Gipfel angekommen, sehen wir rein gar nichts. Alles ist weiß. Dazu begrüßt uns eine steife Brise. Wir versuchen uns davon aber nicht unterkriegen zu lassen und an den Gedanken keine Sicht zu haben, konnten wir uns schon gewöhnen. Daher versuchen wir positiv zu bleiben. Irgendwie haben die Bilder trotzdem etwas.
Auf halber Strecke zurück zum Parkplatz, werfen wir einen Blick zurück in Richtung der Bergspitze. Die Wolken lichten sich langsam und man kann sie tatsächlich bereits erahnen. Wahrscheinlich hat man schon bald eine perfekte Sicht. Das ist wohl wieder ein gutes Beispiel für unser bescheidenes Timing. Aber woher sollten wir das ahnen? Wieder bei Koby angekommen, ist keine Wolke mehr am Himmel. Die Sonne scheint von einem azurblauen Himmel. Der Mount Abrupt zeigt sich in seiner vollen Pracht. Unsere Laune hebt das natürlich nicht gerade.
Wir überlegen, wie wir das jetzt doch noch gute Wetter ausnutzen können. Sarah schaut online, was es in der Umgebung zu sehen gibt. Nur ein paar Autominuten weiter, befindet sich der Mount Sturgeon. Von dort soll man ebenfalls einen schönen Blick haben. Allerdings können wir nichts darüber finden, wie lang der Weg bis auf den Gipfel ist. Knapp 7 km stecken uns bereits in den Beinen und das merken wir beide deutlich. Es spricht zunächst keiner aus, doch insgeheim haben wir uns beide gegen eine weitere Wanderung entschieden. Als wir unvermittelt direkt am Parkplatz des Mount Sturgeon vorbeifahren, halten wir spontan an. Vielleicht ist es gar nicht so weit auf den Gipfel.
Auf einem Schild finden wir endlich die gesuchte Zahl. 3,5 km müssen bis zum höchsten Punkt zurückgelegt werden. Also insgesamt nochmal 7 km. Bestimmt zehn Minuten lang überlegen wir, ob es uns das Wert ist. Doch das Wetter ist weiterhin gut und es wäre schon schön, wenn auf die Enttäuschung am Mount Abrupt etwas Positives folgen würde. Unsere Beine protestieren zwar schon auf den ersten Metern, aber wir ziehen das jetzt durch. Cecil wirkt zu Beginn recht lustlos, doch Sarah ist schon bald wieder in ihrem Element und freut sich auf den nächsten Gipfel.
Die ersten 1,5 km geht es flach durch den Wald, dann folgt ein steiler Aufstieg. Die Beine brennen langsam ordentlich. Vor allem Cecil hat bald ordentlich zu kämpfen und verflucht es dementsprechend, dass wir nach dem Mount Abrupt noch einen weiteren Gipfel bezwingen wollen.
Für Sarah ist es auch kein Spaziergang, doch alle schlechten Gedanken sind wie weggeblasen, als wir am höchsten Punkt angelangt sind. Cecils Laune dagegen sinkt noch weiter. Man hat zwar eine gute Aussicht auf die Umgebung, doch diese besteht aus wenig mehr als kleinen Dörfern und Weiden. Ein freier Blick auf die Gebirgsformationen der Grampians wird ausgerechnet durch den Mount Abrupt gestört. Sarah lässt sich die Laune davon nicht verderben und kann Cecil dazu überreden eine Runde mit Alli zu fliegen. Das hebt auch seine Stimmung.
Der Rückweg zum Parkplatz gestaltet sich unkompliziert. Wir gehen derweil die Einkaufsliste für die kommende Woche durch. Nachdem wir Koby erreicht haben, folgt eine schnelle Stärkung in Form einer Schokowaffel und ein paar Pistazien. In Dunkeld, einem kleinen Ort, den wir von beiden Gipfeln aus sehen konnten, soll es laut einer unser Camper-Apps eine kostenlose Dusche geben. Eine heiße Dusche wohlgemerkt. Vor Ort kriegen wir jedoch nur eiskaltes Wasser. In diesem Fall verzichten wir dankend. So verzweifelt sind wir noch nicht.
Nur 2 km außerhalb der Stadt soll sich ein Lookout befinden, an dem man den Kommentaren nach auch problemlos einen Nacht verbringen kann. Der Platz liegt verlockend nahe, daher wollen wir einen Blick riskieren. Schnell merken wir, dass wir hier bereits letztes Jahr einen Stopp eingelegt haben. Der Blick auf die umliegenden Berge ist prächtig. Doch zum Campen eignet es sich nicht. Direkt an der Straße und in unmittelbarer Nähe zur Stadt. Uns ist das nichts.
25 Kilometer später erreichen wir einen See. Auf unserem Weg nach Hamilton hat uns der Abstecher nur einen kleinen Umweg bedeutet. Ein Umweg, der sich durchaus gelohnt hat. Wir finden uns in einem kleinen Paradies wieder. Auf einer Anhöhe vor einem großen Baum parken wir Koby. Um uns herum wächst das Gras grün und lang. Hinter dem Hügel erstreckt sich der See. Dessen Oberfläche ist spiegelglatt und die untergehende Sonne schimmert darin. Nachdem wir die Szenerie aufgesaugt und im Herzen gespeichert haben, holt uns der Alltag ein. Vor allem hoffen wir, dass das Zelt noch ein wenig trocknet, sobald wir es aufgebaut haben. In diesem Fall bleibt uns nicht weiter übrig als abzuwarten. Sarah vertreibt sich heute die Zeit damit Stichpunkte zu schreiben, bevor sie noch ein kurzes Workout für den Bauch einschiebt. Cecil ist damit beschäftigt eine Feuerstelle auszuheben und entsprechen Brennmaterial zu sammeln.
Zum Abend werden wir Zeuge eines sehr schönen Sonnenuntergangs. Unsere Nudeln Carbonara kochen etwas zu lange, schmecken aber trotzdem gut. Mit Hilfe eines halben Eierkartons kriegen wir danach unser Feuer zum laufen. Schon bald will man gar nicht mehr weg. Es dauert nur Sekunden, bis einem eiskalt ist, wenn man sich kurz vom Feuer entfernt. Immer näher rücken wir an die Flammen. Um uns ein wenig von der Kälte abzulenken, schreiben wir die Einkaufsliste für morgen.
Für weitere Beschäftigung holt Cecil den Laptop für sich und das Tablet für Sarah. Während er Videos für den Blog auswählt, liest Sarah das Tagebuch Korrektur. Zumindest Cecil muss sich ganz schön ranhalten. Der Akkustand vom Laptop gibt ihm kaum mehr als 1 ½ Stunden Zeit. Nebenbei halten wir abwechselnd das Feuer am Laufen. Durch eine leichte Brise ist das heute angenehm einfach. Sobald die richtig dicken Äste brennen, müssen wir kaum noch etwas machen, außer gelegentlich etwas Holz nachlegen.
Der Akku vom Laptop entlädt sich deutlich schneller als gedacht. Cecil schafft es daher nur einen Bruchteil der Videos zu sichten. 10% Akku verbleiben danach noch. Jetzt müssen die Videos noch auf den USB-Stick kopiert werden. Bei nur noch 7% gibt der Laptop eine kritische Warnmeldung zum Akkustand. Der Kopiervorgang nimmt noch weitere zwei Minuten in Anspruch. Der Ladestand sinkt alle paar Sekunden weiter ab. Es wird ein wahrer Krimi, doch am Ende sind die Daten kopiert und der Computer kann noch geregelt heruntergefahren werden.
Sarah ist derweil bereits fertig mit der Rechtschreibkorrektur und hat gefallen daran gefunden sich um das Feuer zu kümmern. Cecil ist heute ganz froh über diesen Rollentausch. Damit hat er Zeit sich direkt an die Bearbeitung der Videos zu machen. Gegen viertel vor zehn hat Sarah für heute genug und sie geht hoch ins Zelt.
Nur ein paar Minuten später nimmt Cecil von seinem Platz am Feuer aus ein verdächtiges Geräusch wahr. Es kommt aus der Richtung des Kofferraums, der von ihm abgewendet ist und dessen Türen offen stehen. Haben wir etwa ein Tier im Auto, welches gerade unsere Vorräte durchwühlt? Bitte nicht. Cecil lässt alles stehen und liegen und geht direkt nachsehen. Doch alles wirkt unberührt. Da raschelt es wieder und dieses Mal direkt neben ihm. Im Schein seiner Stirnlampe erfasst er daraufhin den Verursacher. Ein kleines Possum klammert sich an einen Baum nur wenige Meter von ihm entfernt. Sarah hat die Aufruhr mitbekommen und fragt aus dem Zelt heraus, was los ist. Cecil gibt die Sichtung gerade durch, da klettert das Tier den Baum hinauf und verschwindet zwischen den Blättern.
Zurück am Feuer dauert es nicht lange, bis es hinter Cecil erneut zu rascheln beginnt. Dieses Mal entdeckt er das Possum auf dem Boden und es lässt sich von ihm auch überhaupt nicht stören. Selbst Sarah kann es noch von der Leiter aus beobachten. Cecil filmt, was das Zeug hält. Fotos wollen leider nicht gelingen. Nach diesem Besuch kehrt Ruhe im Camp ein.
Um kurz nach 23 Uhr ist auch Cecil durch für heute. Die Videos für die nächsten drei Tagebucheinträge sind soweit fertig. Es fehlt nur noch Musik, dann kann Sarah wieder posten. Zwischendurch hat er natürlich immer wieder nach dem Possum geschaut, doch das hat sich sich nicht mehr blicken lassen.
Trotz der späten Stunde ist Cecil noch nicht müde. Dazu ist es noch immer wohlig warm am Feuer. Er bleibt daher noch etwas sitzen, aktualisiert die Stichpunkte und schaut zwei Folgen seiner Formel-1 Doku. Erst danach und selbst dann immer noch widerwillig, überredet er sich selbst dazu auch endlich ins Bett zu gehen. Morgen ist auch noch ein Tag.










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