23.09., Mittwoch: Redbank Gorge Campground - Alli auf Abwegen
Cecil schreckt plötzlich aus dem Schlaf. Einen kurzen Moment braucht er, um sich überhaupt klar zu werden, wo er gerade ist. Dann kann er das plötzliche Geräusch als einen Motor identifizieren, der soeben gestartet wurde. Es ist 4 Uhr am Morgen. Die Camper neben uns scheint das nicht zu stören. Minutenlang lassen sie ihren Wagen laufen und unterhalten sich dabei teils angeregt. Sarah hat Ohropax drin und bekommt von alldem nichts mit. Die Glückliche.
Nur eine oberflächliche Schlafphase später, ist es auch für uns Zeit zum Aufstehen. Während wir frühstücken, machen sich unsere verbleibenden Nachbarn bereit zur Abfahrt. Ohne ersichtlichen Grund lassen auch sie während der gesamten Prozedur ihren Motor laufen. Gerade als wir mit dem Abwasch fertig sind, fahren sie endlich ab. Plötzlich herrscht Stille. Lediglich ein paar Vögel sind zu hören und das seichte Rascheln von den Blättern im Wind. Es hätte hier so schön sein können. Wir versuchen uns nicht weiter darüber zu ärgern und packen unsere Sachen für die anstehende Wanderung. Es geht erneut zur “Redbank Gorge”. Wir hoffen sie heute am frühen Morgen ganz für uns zu haben.
Querfeldein schlagen wir uns vom Campingplatz aus zum ca. 1 km entfernten Parkplatz durch. Kurz vorher biegen wir auf eine “Serviceroad” ab, die uns zum Flussbett bringen soll. Am Unterstand, der exklusiv für Wanderer des “Larapinta Trails”, ein ca. 250 km langer Mehrtageswanderweg durch die West MacDonnell Ranges, angelegt wurde, haben wir ein wenig Mühe einen Weg durch das dortige Dickicht zu finden. Kurz darauf stehen wir jedoch im steinigen Flussbett und machen uns auf den Weg. Eine große Echse nimmt plötzlich vor uns reißaus. Wir beide sehen sie leider nur noch im Augenwinkel und finden lediglich ein paar Eingänge, die vermutlich zu ihrem Bau führen. Nächstes Mal.
Auf halber Strecke kommen uns zwei Pärchen entgegen. Wir rechnen schon kaum noch damit am Wasserloch der “Redbank Gorge” wirklich allein zu sein. Wahrscheinlich sind wir doch wieder zu spät losgegangen.
Zu unserer Überraschung sind wir dann aber doch die einzigen vor Ort.
Cecil nutzt das ohne Umschweife und lässt Alli aufsteigen. Es geht direkt rein in die Schlucht.
Bestimmt 20 m ist Alli bereits vorgedrungen und die Verbindung ist noch immer astrein. Das Signal reißt daher völlig unvermittelt ab. Noch kein Grund zur Panik. Cecil geht näher an die Schlucht bis er den Rand des Wasserlochs erreicht. In den meisten Fällen hat es bisher ausgereicht, die Entfernung zur Drohne “manuell” zu verringern. Heute scheint dem nicht so. Aufsteigen, um der Abschirmung der Felswände zu entkommen, ist keine Option. Die Schlucht ist so eng, dass der Weg nach oben höchstwahrscheinlich nicht frei ist. Landen fällt ebenfalls flach. Zum Einen kann so eine “blinde” Landung fatal enden, zum Anderen ist die Felsspalte größtenteils mit Wasser geflutet.
Die Panik ist jetzt nicht mehr zu unterdrücken. Noch an Ort und Stelle beginnt Cecil sich seiner Sachen zu entledigen. Er muss zu Alli schwimmen und sie aus der Schlucht retten. Sarah holt währenddessen eine Plastiktüte, in die wir die Fernbedienung einwickeln und damit hoffentlich ausreichend vor Spritzwasser schützen. Immer wieder wirft Cecil einen hastigen Blick auf den Bildschirm doch es ist noch immer kein neues Signal durchgedrungen. Immerhin konnte er die Notlandungssequenz abbrechen. Wer weiß, über welchem Untergrund Alli sich momentan befindet.
Das Wasser ist eiskalt, doch Cecil ist das egal. Ohne zu zögern watet er ins Wasser. Das Ufer fällt steil ab und nach nicht einmal drei Schritten ist er gezwungen zu schwimmen. Einarmig. Mit der anderen Hand hält er die Tüte mit der Fernbedienung und dem Handy darin über der Wasseroberfläche.
Nachdem eine flache Sandbank überquert ist, gilt es die erste Kletterpassage zu meistern. Der Fels ist glatt und die nassen Finger machen es nicht gerade einfacher. Noch dazu mit der Tüte in der Hand. Es kostet einige Mühe, doch dann steht Cecil in der steinigen Schlucht. Direkt vor ihm ein weiteres Felsplateau. Immerhin ist hier ein vernünftiger Griff zu finden. Einarmig zieht Cecil sich hoch. Auf halbem Weg vernimmt er ein Zischen, kurz darauf sieht er die Quelle. Eine Schlange liegt zum Greifen nah vor ihm. Beide erschrecken sich fast zu Tode.
Cecil lässt den vermeintlichen sicheren Griff sofort los. Irgendwie schafft er es auf der Stufe darunter wieder Stand zu finden. Die Schlange stellt sich weniger geschickt an. Ihr Rückzug endet in einem kleinen Wasserloch. Für einen kurzen Moment denkt Cecil, er müsste sie sogar daraus retten. Schlangen sterben gelegentlich, wenn sie während der Jagd an einem kalten See versehentlich ins Wasser fallen. Das hiesige Exemplar schafft es jedoch sich aus eigener Kraft zu retten und verzieht sich in einen v-förmige Felsspalte, deren offenes Ende zu Cecil zeigt. Dem bleibt nichts anderes übrig als in nächster Nähe an ihr vorbei zu klettern.
In der nächsten Passage wartet ein weiterer Pool mit kaltem Wasser. Zum Glück bleibt es Cecil erspart ein weiteres Mal durch eiskaltes Wasser zu schwimmen. Endlich finden Fernbedienung und Drohne wieder eine Verbindung zueinander. Doch diese ist alles andere als stabil. Mehrfach muss Cecil erneute Notlandeversuche manuell abbrechen. Als er endlich wieder die volle Kontrolle hat, schwebt Alli keine zwei Meter über einem Wasserloch ohne sichtbaren Grund. Die Verwirbelungen der Rotoren sind deutlich auf der Wasseroberfläche zu erkennen. Das war wirklich knapp. Um ein Haar wäre Alli mitsamt den Aufnahmen der vergangenen Tage baden gegangen und wohl nie wieder aufgetaucht.
Der erste Versuch Alli aus der Schlucht zu steuern, geht daneben. Die Drohne befindet sich noch immer außer Sichtweite. Alles sieht scheinbar gleich aus. Doch Anhand des unverkennbaren Geräuschs der Propeller, weiß Cecil sofort, dass er Alli in die falsche Richtung steuert. Nachdem die Orientierung klar ist, steuert Cecil die Drohne an sich vorbei und zwischen den eng zusammenstehenden Felswänden ins Freie. Vorbei an der Schlange. Doch davon bekommt Alli nichts mit.
Sarah wartet bereits am Ufer des großen Wasserlochs. Sie hat die ganze Zeit geduldig und voller Sorge gewartet. Nach Cecils Aufschrei über die Begegnung mit der Schlange muss sie also um ihn auch noch Angst haben. Sie ist froh, als Alli endlich aus der Schlucht fliegen sieht. Das heißt, es geht beiden so weit gut. (Leider hat die GoPro den Dienst verweigert.)
Auf einem nicht mal 40x40 cm kleinen Stück, welches einigermaßen sandfrei und eben erscheint, gelingt Cecil die Landung einzig über das Bild der Fernsteuerung. Er weiß noch nicht, dass Alli tatsächlich unbeschadet aus der Sache herauskommen wird. Mit einem kaputten Rotorblatt hat er mindestens gerechnet. Alles nicht so schlimm. Hauptsache Alli ist wieder in Sicherheit. Ihm fällt ein Stein vom Herzen. Bleibt noch der Rückweg vorbei an der Schlange.
Das ungefähr 2 m lange Tier (Cecil wird in einem der Videos mit der Angabe von 3 Metern etwas übertreiben) ist vom Fall in das kalte Wasser immer noch sichtlich geschockt. Die Bewegungen sind zwar schlangenähnlich, aber erfolgen in Zeitlupe. Nachdem er Alli in Sicherheit weiß, wagt es Cecil ein paar Videos und Fotos aufzunehmen. Die Schlange ist also bestimmt 2 Meter lang, oben gräulich mit einem hellen Bauch. Ob sie giftig ist? Wir sind in Australien, daher ist sie sehr wahrscheinlich giftig.
Der Wind pfeift durch die Schlucht. Als Cecil anfängt zu zittern, lässt er von der Schlange ab und macht sich, wieder einarmig, auf den Weg zurück durch das Wasser. Am anderen Ufer angelangt, gilt die ganze Aufmerksamkeit wieder Alli. Sie ist sicher gelandet. Alles nochmal gut gegangen. Nachdem Alli wieder sicher verstaut ist, will Cecil gleich nochmal mit der GoPro zur Schlange. Dieses Mal möchte Sarah mitkommen.
Als wir vom Ufer in das kalte Wasser gehen, muss Sarah ganz schön mit sich kämpfen. Es ist wirklich empfindlich kalt. Dazu weht der Wind. Doch wir erreichen den Eingang zur Schlucht und sofort sind alle Sinne auf die Schlange gerichtet, die noch immer an der gleichen Stelle in ihrer Schockstarre liegt.
Wir erreichen den Ort, von dem aus Alli gerettet werden konnte. Der nächste Pool liegt vor uns. Wind und Kälte lassen uns zögern. Sarah verweigert es, sich in das nächste eiskalte Wasserlochs zu stürzen. Cecil wagt es dann aber. Hinter der nächsten Ecke wartet sogleich das nächste Wasserbecken. Es führt in einer Kurve um den Fels und das Ende ist somit nicht zu sehen. Wir entscheiden, dass es fürs erste reicht. Vielleicht wagen wir später einen erneuten Versuch. Jetzt wollen wir uns schnellstmöglich in der Sonne aufwärmen.
Zurück am sicheren Ufer kommt eine vierköpfige Familie in die Schlucht. Der Vater macht sich direkt mit der ca. 4 Jahre alten Tochter auf zum Felsspalt. Wir versuchen noch vor der Schlange zu warnen, doch unsere Rufe verhallen ungehört. Kurz darauf kommen Vater und Tochter zurück ans Ufer. Völlig überrascht, berichtet der Vater von einer riesigen Schlange gleich am Eingang. Auch hier ist alles nochmal gut gegangen.
Immer mehr Touristen kommen an dem kleinen Wasserlochs an. Wir überlegen bereits zu gehen. Bevor es zu spät ist, will Cecil einen letzten Flug mit Alli wagen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis ein ausreichendes GPS-Signal besteht. Der anschließende Flug über die Schlucht zeigt wenig Neues oder interessantes. Im Wasser und in der Schlucht befinden sich Menschen. Ein erneuter Flug durch den Felsspalt fällt daher ebenfalls weg. Vielleicht ist es besser so. Wir packen zusammen und machen uns auf den Rückweg.
Nach einer kleinen Stärkung beginnt Sarah ihr Sportprogramm. Cecil schreibt am Tagebuch weiter. Die Fliegen sind heute derartig zahlreich und penetrant, dass wir uns mit unseren Fliegennetzen ausstatten müssen. Gegen 17 Uhr beginnen wir unser Abendessen zu kochen und bereiten Sandwiches für morgen vor. Die Besteigung des “Mount Sonder” steht an. Da wir den heißen Mittagstemperaturen so gut es geht aus dem Weg gehen wollen, haben wir daher keine Zeit für das normale Frühstücksprozedere. Unsere Rucksäcke bereiten wir ebenfalls für morgen vor. Dann geht es gegen 21:30 Uhr auch schon ins Bett. Voller Fokus auf die morgige Wanderung.





Kommentare
Kommentar veröffentlichen